Mein Leben 63: Ein ganz „besonderer“ Flug mit einem glücklichen Ende

Am Freitag machten wir uns auf, um als Familie nach Mallorca zu fliegen…
es sollte ein ganz „besonderer“ Flug werden, da es das erste Mal war,
dass unser Jüngster bewusst einen Flug erleben würde.

Seine bisherige Flugerfahrung liegt so lange zurück, dass er sich nicht
mehr erinnern kann, und so beschloss er… dieses sollte sein offiziell
erster Flug werden.

Wir stiegen ganz normal in unser Flugzeug ein, und es störte uns auch
nicht, dass wir keine zusammenhängenden Sitzplätze bekommen hatten.

Mein Sohn saß am Fenster, mein Mann neben ihm… mein Platz war dahinter,
und unsere Tochter saß ein paar Reihen weiter auf der anderen Seite,
aber mit Blickkontakt.

Ungefähr 20 Minuten nach unserem Abflug machte sich hinter dem Vorhang
Unruhe breit, und dann fiel mir auf, dass wir nicht mehr auf der
normalen Flughöhe flogen, sondern deutlich tiefer… auch war das
Fluggeräusch lauter als ich es kannte.

Als sich dann der Kapitän meldete, dachte ich noch… jetzt erzählt er uns
etwas über die Route, aber es kam eine ganz andere Durchsage.

Natürlich habe ich mir nicht jedes Wort eingeprägt, und sowieso ist dies
meine ganz persönliche Schilderung des Geschehens… aber ich erinnere
mich, dass er von Schwierigkeiten sprach… eine Feuermeldung hätte ihn
erreicht aus dem Fahrwerksschacht. Er könne leider nicht genau sagen, ob
und wo das Feuer ausgebrochen sei oder was dort passiert sei, und man
könnte auch nicht während des Fluges der Ursache nachgehen, deshalb
wollten man uns jetzt auf eine Notlandung vorbereiten.

Meine Gedanken überschlugen sich… was wird jetzt passieren… schafft er
es noch, die Maschine zu landen, und vor allem wie?

Ich war in großer Sorge, und vor meinem inneren Auge liefen verschiedene
Szenarien ab… zudem machte ich mir Vorwürfe, dass wir nicht
zusammensaßen… zu meiner Tochter durfte ich nicht mehr gehen.

Keiner durfte mehr aufstehen, die Toiletten wurden geschlossen und wir
wurden auf den Ernstfall vorbereitet.

Was mich extrem beeindruckte, war die unglaubliche Ruhe im Flugzeug… bis auf ein Kind, das weinte, war es total still… ob jeder einfach so mit
seinen Gedanken und Gefühlen beschäftigt war oder was sonst der Grund
war… ich weiß es nicht.

Überall sah man Paare, die sich an den Händen hielten, oft auch über den
Gang hinweg… das war schon sehr ergreifend.

Die mehrmalige Frage des Piloten nach Ärzten, Rettungskräften oder
Personal von anderen Fluglinien, die die Notlandung begleiten könnten,
beruhigte nicht wirklich.

Wir bekamen erklärt, wie wir uns hinsetzen mussten… mit dem Kopf nach
unten zwischen den Armen, und, dass alle Krägen geöffnet und Krawatten
abgelegt werden sollten.

Die Beine sollten gegen den Vordersitz gestemmt werden, und ich dachte
die ganze Zeit… dann kommen wir alle mit gebrochenen Beinen unten an,
und gleichzeitig kam mir der Gedanke… dies sei wohl das kleinere Übel.

Das Personal stellte sich auf freie Sitze, um gut sichtbar alles zu
erklären, und ich hielt die Hand meines Mannes und versuchte, meine
Tränen vor den Kindern zu verbergen, die recht ruhig allen Anweisungen
folgten.

Der Pilot ging irgendwann dazu über, die Minuten bis zur Landung
zurückzuzählen… und da begann ich in leichte Panik zu verfallen… noch 7
Minuten – und dann???

Was würde dann passieren???

Es passierte Gott sei Dank gar nichts… der Pilot schaffte es, die
Maschine trotz eines wohl irgendwie blockierten Fahrwerks sicher in Köln
zu landen, und die Feuerwehr, Notarzt und Polizei kamen sofort angerast…
die Schläuche wurden in Windeseile ausgerollt, und einige Zeit später
kam die Entwarnung, und wir konnten über die Treppe eines Feuerwehrautos die Maschine verlassen.

Die schlimmsten Minuten waren wirklich die, in denen wir in der
Notfallstellung verharrten mit dem Gesicht nach unten… da liefen mir nur
so meine Tränen aus den Augen und die Hilflosigkeit der Situation war
unbeschreiblich.

Als ich später mit meinem Mann darüber sprach, erzählte er mir… er habe
einfach nur an alle technischen Details gedacht und das aus seiner Sicht
schon viel passieren müsste… er erklärte mir, dass man auch ohne
Fahrwerk landen und sogar nur mit den Flügeln, also ohne Triebwerke, wie
eine Art Segelflugzeug fliegen kann. Er kann sich mit solchen Details
immer gut von Empfindungen ablenken, was mir leider nie gelingen würde.

Ob mich dieses Wissen beruhigt hätte… ich glaube nicht. Aber ich fand es
interessant, wie unterschiedlich Menschen solche Situationen empfinden…
und da wir fast den ganzen Tag auf unsere Ersatzmaschine warten mussten, hatte ich genug Gelegenheit, noch mit einigen anderen Passagieren zu sprechen, und da kamen schon einige Geschichten zusammen.

Eine Mutter erzählte mir, dass sie mit sich gerungen hat, ihr Telefon
trotz des Verbots anzustellen, damit sie sich von ihrem Kind
verabschieden konnte, was vor dem Flug nicht mehr geklappt hätte, das
fand ich sehr ergreifend… da auch ich viel an unseren großen Sohn
gedacht hatte, die anderen waren ja alle bei mir.

Ein anderes Paar hatte schon eine WhatsApp für die Kinder geschrieben,
wo das Testament zu finden sei.

All diese Empfindungen sind natürlich sehr persönlich und individuell,
aber im Grunde zeigt es… an was man in solch einer Situation wirklich
denkt… an die Menschen, die wir lieben… wir sollten es ihnen noch viel
öfter sagen, damit sie es auch wirklich wissen.

Herzensgrüße
Eure Rike

5 thoughts on “Mein Leben 63: Ein ganz „besonderer“ Flug mit einem glücklichen Ende

  1. Anita Schusser-Dederichs

    Das ist das absolute Horrorszenario. Beim Lesen wird einem Angst und Bange. Wie schön, dass alles gut gegangen ist. Und es stimmt, in solchen Situationen denkt man an seine Liebsten. Als unsere Kinder noch mit in Urlaub geflogen sind, war es für mich immer ein beruhigendes Gefühl. Falls etwas passiert, sind wir alle zusammen. Wenn ich jetzt fliege, habe ich schon manchmal beunruhigende Momente. Ich hoffe, ihr könnt das Erlebte schnell verarbeiten. Liebe Grüße Anita

  2. Stefanie

    Dein Bericht über das Geschehene bewegt mich emotional sehr. Ohne Vertrauen und Hoffnung auf einen positiven Ausgang, trotz aller Gedanken, die einen beschäftigen, ist man in diesen Situationen der Abhängigkeit wohl verloren. Beeindruckend, wie anders dein Mann den Ablauf erlebt hat. Bei uns wäre es ähnlich gewesen, glaube ich. Wie groß muss eure Erleichterung gewesen sein, nachdem die erfahrene und geschulte Crew alles gut in den Griff bekommen hat und alle Passagiere wohlbehalten am Boden ankamen. Und ihr seid mutig in das nächste Flugzeug gestiegen. Alles Gute für euch und bleibt gesund. Gruß aus Braunschweig.

  3. sandra

    Ohje liebe Rike,
    Deine Schilderung von Deinem Empfinden des Flugs ist schon ganz schön ergreifend, ohne selbst im Flugzeug gesessen zu haben, man kann so sehr viel nachfühlen. Auch dass Du/Ihr mit so viel anderen Passagieren gesprochen habt, hat bestimmt allen gut getan das erlebte zu verarbeiten. Keiner möchte dass einem solche Situationen widerfahren. Zum Glück, ist alles gut ausgegangen und der Schutzengel war bei allen Leuten der Maschine!

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